Ach schade! Gerade ist die letzte Kirsche im Mund verschwunden, da macht sich auch noch Durst bemerkbar. Doch das Wasserglas schon in der Hand, drängt sich Großmutters erhobener Zeigefinger ins Gedächtnis: „Auf Kirschen kein Wasser trinken, das führt zu Bauchschmerzen!“ So lässt man das Wasserglas enttäuscht sinken und arrangiert sich wohl oder übel mit dem drängenden Durstgefühl. Ist das denn nötig?

Kirschen sind lecker und ein erfrischender Snack. Ob aus dem eigenen Garten oder vom Markt – die süßen Steinfrüchte füllen hungrige Mägen gerne in größerer Menge. Frisch verzehrt werden dabei am liebsten die sogenannten Süßkirschen. Für diese ist ein hoher Gehalt an Fruchtzucker charakteristisch. Daneben liefern sie wertvolle Mineralstoffe und Vitamine, wie Kalium, Eisen und verschiedene B-Vitamine. Lassen Sie sich die Freude am Kirschverzehr also nicht nehmen! Oder ist etwas dran an dem Mythos?

Früher war alles besser? Nicht ganz!

Der Mythos ist sicherlich entstanden, weil sich mal nach Kirschverzehr und anschließendem Wassertrinken Bauchschmerzen bemerkbar gemacht haben. Allerdings gibt es keine klaren Belege dafür, dass die Schmerzen auf die Kombination von Kirschen und Wasser zurückzuführen sind. Vielmehr kommt es meist zu keinerlei Problemen. Mögliche Ursachen werden jedoch diskutiert. Welche dies sind, erfahren Sie nun.

Wir können uns heutzutage und hierzulande über eine sehr gute Trinkwasserqualität freuen. Solch sauberes Wasser war allerdings früher, in Zeiten, in denen der Mythos vermutlich entstanden ist, nicht üblich. Bekannt ist außerdem, dass sich auf der Schale von Kirschen und vielen anderen Obstsorten Hefen und Bakterien befinden. So lautet eine Vermutung, dass Keime des verunreinigten Wassers zusammen mit den Hefen und Bakterien der Kirschschale, zu Gärprozessen führen. Diese Gärprozesse äußern sich dann in Form von Bauchschmerzen. Ist das der Grund für die Entstehung des Mythos, brauchen wir uns heutzutage keine Sorgen mehr machen.

Bei dieser Vermutung gilt allerdings, dass dann auch andere Obstsorten in Kombination mit verunreinigtem Trinkwasser Bauchschmerzen hervorgerufen haben müssten. Was ist nun die Besonderheit von Kirschen? Zum einen sind sie hierzulande eine recht alte Obstsorte. Etwa 100 n. Chr. haben die ersten Süßkirschen ihren Weg nach Deutschland gefunden. Somit hatten sie viel Gelegenheit, mit verunreinigtem Trinkwasser im Magen Bekanntschaft zu schließen. Zum anderen heben sich Kirschen durch ihren hohen Fruchtzuckergehalt hervor. Der Zucker bietet dabei die Grundlage für Gärungsprozesse.

Kirschen

Süß und auch noch gesund: Kirschen liefern uns wertvolle Mineralstoffe und Vitamine.

Süß verträgt nicht jeder

In dem hohen Fruchtzuckergehalt liegt auch eine weitere mögliche Ursache für den Mythos. Der Fruchtzucker, auch Fructose genannt, wird von manchen Menschen nicht richtig aufgenommen. So gelangt er vom Dünndarm in den Dickdarm. Im Dickdarm freuen sich Mikroorganismen darauf, die Fructose zersetzen zu können. Während die kleinen Helfer ihr Hochfest feiern, plagt sich ihr Besitzer mit Bauchschmerzen. Dieses Phänomen wird auch als Fructose-Malabsorption (also eine „schlechte Aufnahme“) bezeichnet und ist nicht mit der bekannten Fructose-Intoleranz zu verwechseln. Eine Fructose-Intoleranz ist deutlich seltener und ihr liegt nicht eine mangelnde Aufnahme, sondern eine mangelnde Verstoffwechslung zugrunde.

Bei einer Fructose-Intoleranz hilft nur der vollständige Verzicht auf Fruchtzucker. Da die Unverträglichkeit aber sehr selten ist, wird sie nicht die Ursache für den Mythos sein. Bei der durchaus möglichen Fructose-Malabsorption gilt: Maß halten. Dies gilt übrigens generell. Werden mehr als ein halbes Kilogramm Kirschen verzehrt, kann auch das zu Bauchschmerzen führen.

Magensäure sei Dank: Das Desinfektionsmittel des Körpers

Ob Hefen und Bakterien von der Kirschschale oder anderen Nahrungsmitteln – unser Körper ist durchaus auf die kleinen Gäste eingestellt. Dazu haben wir unsere Magensäure als nützlichen Helfer. Sie sorgt normalerweise dafür, Keime zu bekämpfen. So haben auch die Hefen und Bakterien der Kirschschale keine Chance zu überleben und den Zucker zu vergären. Nun ist es Zeit für die letzte Vermutung, was die Ursache für die Entstehung des Mythos betrifft.

Diese Vermutung begründet die Bauchschmerzen wie folgt: Wassertrinken nach dem Kirschverzehr verdünnt die Magensäure so, dass die mitverzehrten Mikroorganismen nicht mehr ausreichend abgetötet werden. So könnte es dann folglich doch zu den unerwünschten, Bauchschmerzen verursachenden Gärprozessen kommen. Für diese liefert der Fruchtzucker wieder die Grundlage. Allerdings wird der Einfluss von Wasser auf die Magensäureproduktion überschätzt. Zudem ist der Magen in der Lage, je nach Bedarf mehr Säure freizusetzen und somit unerwünschter Verdünnung entgegenzuwirken.

Und nun?

Um auf die Anfangssituation zurückzukommen: Sie können bedenkenlos Ihren Durst stillen. Fallberichte und wissenschaftliche Belege, die darauffolgende Bauchschmerzen bestätigen, gibt es wie gesagt keine. Halten Sie mit der Flüssigkeitszufuhr nach dem Kirschverzehr sicherheitshalber Maß und waschen Sie Ihr Obst vor dem Verzehr. Wenn Sie zudem keine zu großen Kirschmengen auf einmal verzehren, bleiben Ihnen Bauchschmerzen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit erspart. Auf gut Kirschen essen!


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